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Vattenfalls Braunkohle geordnet auslaufen lassen -
Bürgermeister und Abgeordnete schreiben an schwedische Parlamentsfraktionen
Berlin, 20.09.2010. Bundestagsabgeordnete aus drei Fraktionen,
zwei Bürgermeister aus der Lausitzer Kohleregion und der Umweltverband GRÜNE LIGA fordern heute
in einem Schreiben an alle schwedischen Reichstagsfraktionen, die Braunkohleförderung des schwedischen
Staatskonzerns Vattenfall geordnet auslaufen zu lassen. Die Unterzeichner bitten den schwedischen Staat,
als Eigentümer von Vattenfall „eine Wende hin zur Reduzierung atomarer und fossiler Energiegewinnung“
zu erwirken. Nicht die Privatisierung der Kohlesparte, sondern das Ende der Braunkohleförderung sei
hierfür der richtige Weg.
Das Schreiben wurde unterzeichnet von den Bundestagsabgeordneten Wolfgang Neskovic (LINKE),
Cornelia Behm (Bündnis90/Grüne) und Hermann Scheer (SPD), den Bürgermeistern von Schenkendöbern
und Wiesengrund, Peter Jeschke (CDU) und Egbert S. Piosik (parteilos), sowie dem Vorsitzenden der GRÜNEN LIGA,
Klaus Schlüter. Neben den Reichstagsfraktionen erhält die Brief auch die amtierende schwedische
Wirtschaftsministerin Maud Olofson.
Die Absender verweisen weiterhin darauf, dass Vattenfall im Zuge der Privatisierung der Lausitzer Kohlewirtschaft –
an der Öffentlichkeit vorbei – ein Vorkaufsrecht auf nicht aufgeschlossenen Kohlefelder eingeräumt wurde,
das mehr als fünfzig weitere Ortschaften bedroht. Die Unterzeichner fordern eine Lösung, welche die
betroffenen Bewohner dauerhaft vor weiteren Umsiedlungen schützt.
Vattenfall plant in der Lausitz die Umsiedlung von 3700 Menschen zugunsten fünf neuer Tagebauvorhaben sowie
den Betrieb neuer Braunkohlenkraftwerke bis nach 2070. Die schwedische Öffentlichkeit debattiert zeitgleich
Modelle einer vollständigen oder teilweisen Privatisierung des Vattenfall-Konzerns.
TOP TOP
Wortlaut des Briefes:
Energiewirtschaft nachhaltig umbauen statt verkaufen
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
mit Interesse haben wir wahrgenommen, dass in der schwedischen Öffentlichkeit darüber nachgedacht wird,
Teile des Staatsunternehmens Vattenfall, insbesondere die Kohle- und Atomkraftwerke zu veräußern.
Durch die Aktivitäten von Vattenfall in anderen Ländern trägt Schweden eine große Verantwortung.
Als Eigentümer eines internationalen Energiekonzerns sollte sich Ihr Land dafür einsetzen, dass sich
eine Wende hin zur Reduzierung atomarer und fossiler Energiegewinnung vollzieht. Ihnen stehen dazu neben
Unternehmensdirektiven sicher weitere Mittel der Einflussnahme zur Verfügung. Diese Möglichkeiten
sollten genutzt werden. Der Verkauf gerade der ostdeutschen Kohlewirtschaft an privatwirtschaftliche Interessenten
würde die große Chance vergeben, die Energiewende in Europa aktiv mitzugestalten. Bitte prüfen Sie,
inwieweit Sie als Eigentümer mithelfen können, den Umbau der Energiewirtschaft, den schrittweisen
Abschied vom Energieträger Braunkohle zu organisieren.
In unserer Region, der Lausitz, plant Vattenfall die Umsiedlung von 3700 Menschen für fünf neue
Tagebauvorhaben. Jahrhundertealte Dörfer sollen dafür in den nächsten Jahren zerstört
werden, darunter traditionelles Siedlungsgebiet der sorbischen ethnischen Minderheit. Ein schrittweiser
Ausstieg aus der Braunkohle kann diese Orte retten und dadurch auch die Belastung des Weltklimas verringern.
Er muss jedoch jetzt eingeleitet werden, anstatt eine neue Generation von Braunkohlenkraftwerken bis in die
2070er Jahre betreiben zu wollen. Vattenfalls Strategie, das in den Kraftwerken entstehende CO2 künftig
in Nachbarregionen unterirdisch verpressen zu wollen, würde die Dörfer nicht retten. Stattdessen
hat sie den energischen Protest der Bewohner in den Endlagerregionen hervorgerufen. Sie sorgen sich berechtigt
um die Sicherheit von Mensch, Natur und Grundwasserressourcen und lehnen neue Braunkohlekraftwerke vehement ab.
Wir können nicht auf das angekündigte Energiekonzept der deutschen Bundesregierung vertrauen,
zumal Konzerne wie Vattenfall hier massiv Lobbyismus für Kohle- und Atomkraftwerke betreiben. Findet
diese Einflussnahme wirklich im Sinne der Eigentümer, im Sinne des schwedischen Volkes statt?
Wir möchten in diesem Zusammenhang Ihre Aufmerksamkeit zudem auf den Fakt lenken, dass im Zuge der
Privatisierung der Lausitzer Kohlewirtschaft durch die Treuhandanstalt in den 1990er Jahren – an der
Öffentlichkeit vorbei – dem neuen Eigentümer ein Vorkaufsrecht am Bergwerkseigentum der meisten
noch nicht aufgeschlossenen Kohlefelder eingeräumt wurde. Dieses Vorkaufsrecht ist offensichtlich bei
der Bildung der Vattenfall Europe AG auf das schwedische Staatsunternehmen übergegangen. Eine Einsicht
in die betreffenden Privatisierungsverträge wurde uns bisher jedoch nicht gewährt. Auf den vom
Vorkaufsrecht betroffenen Kohlefeldern stehen bis zu fünfzig Ortschaften, die von Tausenden Menschen
als ihre Heimat angesehen werden. Da Braunkohle hier nur im Tagebau gewonnen werden kann, ist das damals
eingeräumte Vorkaufsrecht am Bodenschatz nicht zu trennen von der Option, diese Menschen umzusiedeln
und ihre jahrhundertealten Siedlungen zu zerstören. Der schwedische Staat darf sich daher nicht von der
Kohlewirtschaft trennen, bevor dieses Problem nicht verantwortungsbewusst und im Sinne der betroffenen Menschen
gelöst ist. Das Vorkaufsrecht am Bergwerkseigentum darf nicht an Finanzinvestoren und internationale
Konzerne weiterveräußert werden, sondern es ist eine Lösung herbeizuführen, die den Bewohnern
der betroffenen Region dauerhafte Sicherheit vor der Zerstörung ihrer Heimat bietet.
Wir würden uns freuen, mit Ihnen über die angesprochenen Probleme ins Gespräch zu kommen.
Mit freundlichen Grüßen,
Cornelia Behm
Mitglied des deutschen Bundestages (Bündnis90/Die Grünen)
Wolfgang Neskovic
Mitglied des deutschen Bundestages (DIE LINKE),
stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Nordischen Parlamentariergruppe
Hermann Scheer
Mitglied des deutschen Bundestages(SPD),
Vorsitzender des Weltrates für Erneuerbare Energien
Peter Jeschke
Bürgermeister der Gemeinde Schenkendöbern (CDU)
(Kohlefeld Jänschwalde-Nord)
Egbert S. Piosik
Bürgermeister der Gemeinde Wiesengrund
(Kohlefeld Jänschwalde-Süd)
Klaus Schlüter
Vorstandsvorsitzender GRÜNE LIGA e.V.
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